Ruđer Josip Bošković (1711-1787) war Physiker, Astronom, Mathematiker, Philosoph, Diplomat, Dichter, Theologe und Jesuit, gebürtig aus Dubrovnik. Er studierte und lebte in Italien und Frankreich, wo er auch viele seiner Werke veröffentlichte. Bošković entwarf die wegbereitende Vorstufe zur Atomtheorie und leistete bedeutende Beiträge im Bereich der Astronomie, einschließlich das erste geometrische Verfahren zur Berechnung der Umlaufbahn eines Planeten aus der Beobachtung dreier Positionen des jeweligen Planeten. Im Jahr 1753 entdeckte er darüber hinaus, dass es auf dem Mond keine Atmosphäre gibt. Bošković gründete die Sternwarte Brera in Mailand. Im Jahr 1760 wurde ihm im Auftag der Republik Dubrovnik die Durchführung einer diplomatischen Mission am englischen Hof anvertraut. Während seines Aufenthaltes in England wurde er im Jahr 1761 zum Mitglied der Royal Society, der britischen Akademie der Wissenschaften, gewählt.

Kroatien in Europa durch die Jahrhunderte

Kroatisch-britische Beziehungen

In der altenglischen Version der Weltgeschichte von Paulus Orosius, die im 9. Jahrhundert König Alfred aus dem Lateinischen übersetzt und um einen Überblick der damaligen, bis zu seiner Zeit aktualisierten Geschichte ergänzt hatte, wurden sowohl die Weiß-Kroaten als auch die geografischen Bezeichnungen Istrien und Dalmatien erwähnt. Die kroatisch-britischen Kontakte aus dem 12. Jahrhundert werden heute im Zusammenhang mit König Richard I. Löwenherz erwähnt, der bei seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land in der Adria einen Schiffbruch erlitten haben soll, wonach er einige Zeit in Dubrovnik verbrachte. Über diese Vorkommnisse berichteten die Chronisten beider Seiten.

Über die kroatischen Länder berichteten ebenfalls britische Reisebeschreiber aus dem 14. Jahrhundert, die bekannteste solcher Reisebeschreibungen wurde im Jahr 1511 von Richard Guilford gedruckt.

Die herausragendsten Gelehrten sowie Vertreter der kirchlichen und weltlichen Macht in England kannten die Arbeit des kroatischen Schriftstellers und Humanisten Marko Marulić (1450 – 1524). Sein Evangelistarium hatte auch König Heinrich VIII. noch vor seinem Bruch mit der katholischen Kirche gelesen. Ein Exemplar dieses Buches mit den handschriftlichen Notizen des Königs wird heute in der Britischen Bibliothek aufbewahrt. 

Dank seinen weit verzweigten Handelsbeziehungen hatte Dubrovnik auch hinsichtlich der Entfaltung kultureller Beziehungen zu Großbritannien die Vorreiterrolle. In der Dubrovniker Handelskolonie in London wirkten u.a. einige herausragende Wissenschaftler aus Kroatien. Im 15. Jahrhundert studierte Juraj Dragišić in Oxford Theologie, und im 16. Jahrhundert entwickelte Marin Getaldić, Astronom und Mathematiker aus Dubrovnik, eine fruchtvolle wissenschaftliche Zusammenarbeit mit seinen britischen Kollegen. Im 17. Jahrhundert wirkte in England Franjo Biundović aus Hvar, Autor der Geschichte der englischen Bürgerkriege (History of the English Civil Wars), der sogar einen Adelstitel erlangt hatte. Markantun de Dominis, der von der Insel Rab stammende Apologet des Protestantismus, bekleidete eine hohe Position am englischen Hof. Im Jahr 1617 erhielt er als erster Kroate die Ehrendoktorwürde von der Universität Cambridge, und im Jahr 1618 wurde er zum Dekan von Windsor ernannt. Der bedeutendste kroatische Wissenschaftler, Ruđer Bošković, besuchte England im Jahre 1760. Er hielt Vorlesungen an den Universitäten Oxford und Cambridge und besuchte die Sternwarte in Greenwich. Wenngleich sein Aufenthalt in London nur von kurzer Dauer war, traf er mit führenden britischen Wissenschaftlern und Künstlern zusammen und hinterließ tiefe Spuren in dieser Stadt. Bereits im Jahr 1761 wurde er zum Mitglied der Royal Society, der dortigen Akademie der Wissenschaften, gewählt.

Im 18. und 19. Jahrhundert wuchs das Interesse der Briten für die kroatischen Länder. Ihre besondere Aufmerksamkeit galt den archäologischen Denkmälern, allen voran dem Diokletianpalast in Split, dessen detaillierte Beschreibung der Architekt Robert Adam verfasste. Immer mehr publizierte Werke hatten die kroatische Geschichte und die kroatischen Volksbräuche zum Thema, was dem allgemeinen Interesse an Südosteuropa als Ganzes geschuldet war. Zu jener Zeit erschienen auch die ersten Übersetzungen der kroatischen Dichtung, wie zum Beispiel die Übersetzung der Volksballade Hasanaginica (Asanaginica).

In Kroatien trafen die ersten Berührungspunkte zur englischen Literatur im 18. Jh. mit den ersten Aufführungen der Werke von Shakespeare zusammen, wobei diese allerdings in deutscher und italienischer Übersetzung inszeniert wurden. Zu der Zeit der Kroatischen Nationalen Wiedergeburt machten sich die Kroaten intensiver mit der englischen Literatur vertraut, was in erster Linie den Bemühungen des Abtes Ivan Krizmanić aus Marija Bistrica zu verdanken ist. Seine Übersetzungen, obgleich nur in Manuskriptform bewahrt, gelten als die ersten direkten literarischen Übersetzungen aus dem Englischen ins Kroatische. Neben Krizmanić war Stanko Vraz der superbe Kenner und Förderer der englischen Literatur in Kroatien. Die Kontakte zur englischen Literatur wurden auch von den Schriftstellern der neueren kroatischen Literatur gepflegt. Besonders wertvolle Übersetzungen englischer Poesie hinterließ (der Dichter) Ivan Goran Kovačić.

Titelseite des Buches von Branka Magaš Kroatien durch die Geschichte: die Entstehung eines europäischen Staates, London 2007

Der erste Lehrstuhl für Slawistik an einer britischen Universität überhaupt wurde 1890 in Oxford gegründet. Die Vorlesungen des ersten Universitätsprofessors an diesem Lehrstuhl, William Morfill, der mit Vatroslav Jagić zusammenarbeitete, bildeten die Grundlage für das Studium südslawischer Literaturen und Sprachen, folglich auch der kroatischen Sprache. Im Jahr 1900 wurde zudem der Lehrstuhl für Slawistik in Cambridge gegründet, an welchem Robert Auty, der führende britische Kroatist des 20. Jahrhunderts tätig war. In seinem Werk bot er einen Überblick über die Entwicklung der kroatischen Sprache (1979).  Ins Englische wurden ebenfalls einige Klassiker der kroatischen Literatur übersetzt, darunter zum Beispiel Dubravka und Osman von Ivan Gundulić, Der Tod des Smail Aga Čengić (Smrt Smail-age Čengića) von Ivan Mažuranić, Aus Urväterzeiten: Maerchen aus kroatischer Urzeit (Priče iz davnine) von Ivana Brlić-Mažuranić, Die Ragusaner Trilogie (Dubrovačka trilogija) von Ivo Vojnović sowie einige Werke von Marin Držić.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Kroatien die ersten Anglisten ausgebildet. Natalija Wickerhauser eröffnete in Zagreb die erste Sprachschule für Englisch, Aleksander Lochmer verfasste das erste zweisprachige englisch-kroatische Wörterbuch (Englesko-hrvatski rječnik, Senj 1906) und gründete in Zagreb das Lektorat für die englische Sprache. Vladoje Dukat war der Begründer des ersten kroatischen Lehrstuhls für Anglistik und Autor des ersten Kompendiums der englischen Literatur in kroatischer Sprache. Seitdem wird die englische Literatur systematisch wissenschaftlich untersucht und übersetzt, wobei diese Disziplinen nach dem Zweiten Weltkrieg vollends aufblühten. Die vortrefflichsten Leistungen in der Übersetzungskunst aus dem Englischen vollbrachte Josip Torbarina, Universitätsprofessor in Zagreb und Zadar und renommierter Shakespeareologe, der mehrere Generationen von Anglisten in Kroatien ausgebildete. Die in Zagreb seit 1946 wirkende Einrichtung British Council hat ebenso einen Beitrag zur Entwicklung und Verbreitung der Anglistik geleistet. Obwohl Englisch im Laufe der Geschichte in Kroatien nicht in dem Maße präsent war wie das Deutsche oder das Italienische, ist es bereits seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts die einflussreichste Fremdsprache geworden, zum Teil dank dem Einfluss der Populärkultur.

Krsto Cviić (1930 – 2010)

Im 20. Jahrhundert lebten in England zahlreiche kroatische Künstler und Wissenschaftler, am längsten allerdings der Schriftsteller Josip Kosor, dessen Werke ins Englische übersetzt wurden. Im Jahr 1915 hatte der Bildhauer Ivan Meštrović in London eine Ausstellung, und im Jahr 1919 wurde dort eine Monografie über sein Werk veröffentlicht. Eines beachtlichen Erfolgs erfreuten sich in England auch kroatische Musiker: im Jahr 1911 wurde die Operette Baron Trenk des Komponisten Srećko Albini aufgeführt, und die Opernsängerin Milka Trnina trat mehrmals im Covent Garden auf. Anerkannt wurde auch die Arbeit des Theaterregisseurs Vlado Haunek, vor allem seine Regie der Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer. In den britischen Museen werden auch die Werke kroatischer Künstler aufbewahrt, wie zum Beispiel die Miniaturen von Julije Klović; eine Liste dieser Kunstwerke wurde im Jahr 1971 von Vladimir Markotić zusammengestellt. Eine Bibliografie kroatischer Werke wurde der englischen Öffentlichkeit von Branko Franolić vorgestellt. In London war der Sitz des Zweiwochenblattes „Nova Hrvatska“ (Neues Kroatien), der bedeutendsten kroatischen Zeitschrift im Ausland, die im Zeitraum von 1959 bis 1990 erschien und sich für ein unabhängiges und demokratisches Kroatien einsetzte. Unter den zahlreichen kroatischen Wissenschaftlern, die an den britischen Universitäten tätig sind, zeichnet sich ganz besonders der an der Universität Bristol wirkende Philosoph Edo Pivčević aus, der im Jahr 1974 die Zeitschrift British-Croatian Review ins Leben gerufen hatte. Ein besseres Verständnis der politischen Verhältnisse in Osteuropa und im ehemaligen Jugoslawien ist indes ganz besonders dem Journalisten und Publizisten Krsto Cviić zu verdanken.

Anlässlich des Beitritts Kroatiens zur Europäischen Union fand von Januar bis Juni 2013 in London und anderen britischen Städten das Kulturfestival Welcome Croatia statt. Das Programm dieses Festivals enthielt Vorträge, Seminare sowie Theateraufführungen und Musikveranstaltungen, durch welche die kroatische Kultur promoviert wurde.