Mit dreizehn Eintragungen in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO ist Kroatien, zusammen mit Spanien, das Land mit der höchsten Anzahl von eingetragenen Kulturgütern in Europa.

Gesellschaft und Lebensweise

Traditionskultur

Ein charakteristisches Merkmal der kroatischen Traditionskultur ist ihre ausgesprochene  Vielfalt. Die umweltbedingten Gegebenheiten und Einflüsse jener Kulturen, mit denen die Kroaten im Laufe der Geschichte in Berührung kamen (u. a. mediterrane, mitteleuropäische, altbalkanische und orientalische Kulturen), haben die Entwicklung von drei spezifischen Regionalkulturen beeinflusst: der pannonischen, der dinarischen und der adriatischen Kultur.

Die pannonische Kulturzone war durch den Anbau von Kornpflanzen, Flachs und Hanf sowie durch die Stallzucht von Großvieh (Pferde, Rindvieh) gekennzeichnet. Man wohnte in strohbedeckten ebenerdigen Häusern, die entweder aus Holz oder erdbeschmiertem Geflecht (im Westen) sowie aus festgestampftem Ton oder ungebrannten Ziegelsteinen (im Osten) gebaut waren. An den Flüssen Kupa und Save überwiegten die hölzernen einstöckigen Häuser, die aus ehemaligen Pfahlbauten entstanden. Die Möbel waren hoch. Unter den heimischen, häuslichen Handwerken entwickelten sich besonders das Weben am waagerechten Webstuhl und das Töpferhandwerk an der fußbetriebenen Töpferscheibe. Von der bildnerischen Darstellung her war das Verzieren (Šaranje - Buntfärben) von kleinen Kürbissen besonders interessant. Die Bekleidung wurde aus Leinen genäht, dicht gefältelt, mit reich eingewebten oder gestickten Verzierungen versehen. Dazu trug man Loden- oder Lederwesten, weite Regenmäntel aus Loden oder Schaffellmäntel sowie breite Riemenschuhe Opanken (Kapičari) oder Stiefel. Die Frauen trugen Halsketten aus Korallen und Glasperlen und in Slawonien schmückten sie sich mit Goldmünzen.

Licitar, bunt verzierter Lebkuchen, wird traditionell im Norden Kroatiens hergestellt, am häufigsten in Herzform. Er wird von Handwerkern, den Lebzeltern, gebacken, die auch Honiggetränke und Wachsgegenstände herstellen. Ihre Handwerkstechnik ist in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Charakteristisch waren die jährlichen, an den Feiertagen veranstalteten Dorfumzüge der Jugendlichen mit dem Einsammeln von Gaben (Jurjaši am Georgstag, Kraljice oder Ljelje zu Pfingsten, Ladarice am Johannistag, Betlehemari am Heiligen Abend u.a.), aber auch die vielfältigen Hochzeitsbräuche. Im Bereich der Musik und des Tanzes existiert ebenfalls eine mannigfaltige Überlieferungspraxis. Eine Besonderheit der Region Međimurje sind die auf den mittelalterlichen Tonleitern basierten einstimmigen Gesänge (sog. altkirchliche Arten).  Die für Međimurje spezifischen Musikinstrumente wie Bordunzither, Zymbal und Violine wurden als Begleitung bei den Paartänzen gespielt (Einfluss des Alpengebiets). Der bekannteste Tanz des nordwestlichen und mittleren Kroatiens, Drmeš, wird als Paartanz oder in kleinen Kreisen getanzt, begleitet vom Spiel einer Streichkapelle, genannt Guci. Charakteristisch für Slawonien und Baranya ist das Tanzen im Kreis (Kolo), begleitet vom Blasinstrument Gajde, einem Dudelsack aus Ziegenhaut. Bereits vor dem 20. Jahrhundert sind die Gajde von der Tambura (einem Saiteninstrument) nahezu völlig verdrängt worden.

Kiste aus Slawonien
Spitzenklöpplerin von der Insel Pag
Spitze aus Lepoglava

In der dinarischen Kulturzone (mittlere, dinarische Gebirgsregion und das Hinterland Dalmatiens) überwiegte die Bergviehzucht (Schafen, Ziegen). Im Sommer lebten die Hirten mit den großen Schafherden in den Bergen und im Winter in den Küstengebieten. Dabei benutzten sie mobile Viehhürden und kleine Hirtenhütten. In der Viehzucht nach alpiner Art zogen die Familien im Frühling mit dem Vieh aus den Taldörfern in die höher gelegenen Unterkünfte, Stanovi, wo sie über ausreichend Acker und Heuwiesen verfügten. In den Sommermonaten zogen sie dann noch weiter hinauf zu den hohen Almen. Im Herbst brachten sie den geernteten Acker- und Heuwiesenertrag ein und kehrten vor dem Winter ins Dorf zurück. In der kroatischen Gebirgsregion waren die Häuser vorwiegend aus Holz erbaut, oft mit dem Erdgeschoß aus Stein und mit hohen, steilen, mit Holzbrettchen gedeckten Dächern. Die Möbel waren niedrig.

Spitze, das netzartige Geflecht aus verschiedenen Fäden, war zuerst nur ein Teil einzelner Kleidungsstücke, wurde aber später zum eigenständigen Schmuckgegenstand. In Kroatien werden die Spitzen mit Nadel (auf der Insel Pag), mit Klöppeln (in Lepoglava, in Hrvatsko Zagorje) und aus Agavefäden (auf der Insel Hvar) hergestellt. Alle diese Spitzenarten wurden in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Die heimischen, häuslichen Handwerke umfassten: die Herstellung von Wollgeweben für die Zimmereinrichtung und für die Bekleidung, die Erzeugung von Walkgeweben in den wasserbetriebenen Walkmühlen und das Töpferhandwerk am Handrad. Die Hirten waren besonders geschickte Holzschnitzer. Die Frauentracht bestand aus der gerade geschnittenen Leinwandbluse mit der charakteristischen Geometriestickerei am Brustteil und am Ärmelsaum, aus der Wollschürze und aus der langen Lodenjacke, Zobun. Die Männer trugen enganliegende Stoffhosen und Lodenjacken in drei Schichten über dem Hemd, einen breiten Ledergürtel und mehrere Schichten Wollstrümpfe, verziert mit Loden. Die Mädchen und die Männer trugen flache rote Lodenmützen, während die verheirateten Frauen ihre Köpfe mit einem weißen Kopftuch bedeckten. Das Schuhwerk bestand aus leichten, geflochtenen Opanken. Die Festtagskleidung der Frauen wurde durch den verschiedenartigen, üppig angelegten Silberschmuck vervollständigt. Zur Festtagskleidung trugen die Männer verzierte Waffengegenstände. Das soziale Leben war von den spezifischen Formen der Verschwägerung geprägt (wie Wahlbruderschaft, Patenschaft).

Holzhäuser in Posavina
Feldsteinhäuschen (Kažun) in Istrien
Holzspielzeuge sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine Besonderheit der tradierten Volkskunst des Hrvatsko Zagorje. Die Spielzeuge werden von Männern handgefertigt und von Frauen mit Blumen- und Geometriemotiven bemalt. Diese Spielzeuge zählen zu den Kulturgütern, die in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes eingetragen wurden.

Für die musikalische Tradition ist eine besondere Art vom Gesang, Ojkanje, kennzeichnend. Ojkanje kommt als Refrain in verschiedenen Arten von Kurzliedern (wie Rozgalice, Gange u.ä.) vor. Die langen erzählenden Lieder mit der Schilderung von Heldentaten wurden von den Volkssängern, den Guslari gesungen. Diese begleiteten ihren Gesang auf einem Streichinstrument mit nur einer Saite, Gusle. Die typische Tanzform ist der Reigentanz  Nijemo kolo (auch als Vrličko, Ličko oder Sinjsko Kolo bekannt), der in großen Schritten und Sprüngen ohne musikalische Begleitung ausgeführt wird.

In der adriatischen Kulturzone gingen die Einwohner seit jeher dem Fischfang, dem Anbau von Oliven, Weinreben, Feigen und Mandeln sowie der Schaf- und Ziegenzucht nach. Auf den kleinen terrassenartigen Feldern baute man Obstbäume an und in geringerem Ausmaß Getreide. Eingesetzt wurden die wildwachsenden Kräuter und Pflanzen, wie zum Beispiel Ginster (zur Fasergewinnung) und Johannisbrot. Von Bedeutung waren sowohl der Schiffbau als auch der Handel. Die Häuser waren aus Stein, in der Regel schmal und hoch; die Dächer waren mit walzenförmigen Dachziegeln oder mit gespalteten Kalksteinplatten gedeckt. Die offenen Feuerstellen in den Häusern hatten einen Abzug und waren mit typischem mediterranem Zubehör (Grillrosten, Ketten und Blasbälgen) ausgerüstet.

Die Tambura ist ein traditionelles Saiteninstrument. Im 14. und 15. Jahrhundert hat sich die Tambura zuerst in Slawonien eingebürgert, im 19. Jahrhundert dann auch in anderen Teilen Kroatiens. Sie wurde zu einem der musikalischen Symbole der kroatischen Identität.
Moreška ist ein pantomimischer  Rittertanz, der auf der Insel Korčula ausgetragen wird. Dieses Spiel, das auch in anderen Mittelmeergebieten bekannt ist, wurde zum ersten Mal im 16. Jahrhundert schriftlich erwähnt.
Ein Ohrring mit dem Möhrchen-Motiv (Morčić), einem Symbol der Stadt Rijeka und des Kvarner-Küstengebiets. Schmuck mit ähnlichen Motiven wird traditionell in Rijeka angefertigt. Seine Anfertigungsmeister aus Rijeka (Moretisti) stellten ihre Schmuckstücke auf der Weltausstellung 1878 in Paris aus.

Die Tracht entwickelte sich unter dem Einfluss des städtischen Milieus. Die allgemeinen mediterranen Elemente, wie weite Hose mit Bundfalten und kurzen Hosenbeinen und eine zylindrische Wollmütze kennzeichneten die männliche Tracht. Die weibliche Tracht bestand aus der Leinenbluse, die unter dem glockigen Loden-Trägerrock getragen wurde, der in der Taille mit einem Woll- oder Seidengürtel geschnallt war. Beliebt war Schmuck aus Edelmetallen, zusätzlich mit kleineren Korallen oder Perlen verziert, oft in Filigrantechnik angefertigt.

Zur Weihnachts- und  Neujahrszeit waren die Umzüge der Gratulanten üblich, die beim Gratulieren zusätzlich sangen und Gaben einsammelten (Koledanje). Auch die Faschingsbräuche waren allgemein verbreitet. Ein prägnantes Merkmal des volkstümlichen musikalischen Ausdrucks in Dalmatien ist der Klapa-Gesang, das mehrstimmige A capella Singen in kleineren Gruppen (Klapa) ohne Instrumentalbegleitung. Die ländlichen Tänze (Linđo und Poskočica) wurden musikalisch von der Lijerica begleitet, einem dreisaitigen Streichinstrument. Die Gitarre oder Mandoline begleiteten die städtischen Tänze (Šotić und Kvadrilj). Für die Traditionsmusik aus Istrien und dem kroatischen Küstengebiet (Hrvatsko Primorje) sind die chromatischen Tonfolgen charakteristisch (die bekannteste ist die sog. istrianische Tonleiter), auf denen sowohl die Lieder als auch das Spielen auf Sopele (Roženice) basieren. Sopele ist ein Blasinstrument mit äußerst durchdringendem schrillem Ton. Oft spielt man gleichzeitig auf zwei Sopele, d.h., auf einem kleinen und auf einem großen Instrument. Dabei entsteht die Zweistimmigkeit mit engen Intervallen, die dann aber entweder einstimmig oder in einer Oktave endet. Die gleiche Zweistimmigkeit entsteht auch im Gesang zweier Sänger. Zu der auf Sopele gespielten Musik werden Balun und Tanac getanzt.

Kroatien hat 13 Kulturgüter, die als Meisterwerke in die repräsentative UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen wurden:

  • Kroatisches Spitzenklöppeln
  • Zweistimmengesang der engen Intervalle in Istrischer Tonleiter in Istrien und in Hrvatsko Primorje
  • Fest zu Ehren des Hl. Blasius, Schutzpatron von Dubrovnik (am 3. Februar)
  • Jährliche Frühlingsprozession der Kraljica (Königinnen) oder Ljelja in Gorjani
  • Jährlicher Karnevalsumzug der glockenläutenden Zvončari in Kastav
  • Osterprozession Za križen (Hinter dem Kreuz) auf der Insel Hvar (in der Karwoche)
  • Anfertigungskunst von Holzspielzeugen in der Region Hrvatsko Zagorje
  • Ritterspiel Sinjska alka in Sinj
  • Lebkuchen-Backkunst im Norden Kroatiens
  • Bećarac, Gesang und Spiel aus Slawonien, Baranya und Sirmien; mit oder ohne Instrumentalbegleitung
  • Nijemo kolo, Reigentanz aus der Dalmatinska Zagora
  • Mehrstimmiges Singen von dalmatinischen Gesangsgruppen  Klapa
  • Ojkanje-Gesang

Anfang des 20. Jahrhunderts machte die ländliche Bevölkerung mehr als 80% der Gesamtbevölkerung Kroatiens aus und lebte in großem Ausmaß immer noch nach den traditionellen Mustern. Obwohl schon im 19. Jahrhundert die traditionelle Kultur unter dem Einfluss der Modernisierung und der Urbanisierung allmählich zu verschwinden einsetzte, intensivierte sich dieser Prozess insbesondere um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche  Erscheinungsformen der traditionellen Kultur existieren auch heute noch, aber in abgeänderten Formen und in einem neuen Kontext. Heute bekommen sie immer neue Bedeutungen und manche von ihnen sind zu Sinnbildern der nationalen bzw. der regionalen oder lokalen Identität geworden.

Der Ritterwettstreit Sinjska alka findet seit 1715 am ersten Sonntag im August in der Stadt Sinj statt, zum Gedenken an den Sieg der Stadtverteidiger gegen die osmanische Kriegsmacht.
Zvončari aus Kastav, eine Gruppe maskierter Männer, die während der Karnevalsfeste durch charakteristische Bewegungen und mithilfe von den an ihren Körpern hängenden Glocken Lärm erzeugen. Gleichzeitig schlagen sie mit ihren Stäben herum und vertreiben so den Winter und die bösen Geister. Ihr jährlicher Karnevalsumzug steht auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Welt.
Auftritt des Folkloreensembles Lado

Solche Kulturgüter sind zum Beispiel die Karnevalszüge der Glockenläuter Zvončari aus dem Kastav-Gebiet, die Aufführungen des ritterlichen Schwerttanzes Moreška in der Stadt Korčula und des Brauchs Kumpanija in den Dörfern auf der Insel Korčula, die jährliche Prozession der Königinnen Kraljica oder Ljelja zu Pfingsten in Slawonien und Sirmien, der Ritterwettkampf Sinjska alka und viele andere. Die traditionelle Musik sowie überlieferte Volkslieder und        -tänze werden am häufigsten auf Folkloreschauen und bei verschiedenen festlichen Anlässen vorgeführt. Dabei sind die Darsteller in Volkstrachten gekleidet. Die bekannteste Manifestation dieser Art ist die Zagreber Internationale Folkloreschau, gefolgt von den Veranstaltungen ʹDer Herbst in Vinkovciʹ, ʹDie Stickereien aus Đakovoʹ (ebenfalls Folkloreschauen), ‘Das Festival der dalmatinischen Klapa-Gruppen‘ in Omiš sowie von weiteren Kulturveranstaltungen. Neben den zahlreichen Amateur-Folkloregruppen widmet sich insbesondere das professionelle ʹEnsemble der Volkstänze und Volkslieder Kroatiens Ladoʹ (1949 gegründet) der Pflege von  kroatischer Folkloretradition.